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Stone Brewing Berlin – Fluch oder Segen?

Berlin ist um eine Bier-Attraktion reicher. Es sollte sich inzwischen herumgesprochen haben, dass die weltberühmten Stone Brewing aus Escondido, California, ihren ersten Standort außerhalb der USA in Berlin eröffnen werden.

Am Samstag Abend ca. 19 Uhr verkündete dies der Geschäftsführer Greg Koch höchstpersönlich auf einer mehr oder weniger geheimen Veranstaltung auf dem zukünftigen Gelände in Berlin Mariendorf. Schätzungsweise 100–150 Gäste aus der Branche wurden eingeladen, um die Verkündung bei sagenhaften 30°C mit reichlich Stone-Bier zu begießen. Hops Hysteria war ebenfalls eingeladen und konnte sich das Ereignis natürlich nicht entgehen lassen. Wenn der exzentrische Amerikaner Koch auf die Bühne tritt, ist immer ein ungewöhnliches Spektakel vorprogrammiert – so sagt man jedenfalls. Und der PR-Aufwand im Vorfeld zeigt ebenfalls Wirkung und man freut sich wie ein kleiner Junge auf Weihnachten.

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Also ab nach Berlin, tagsüber im Wannsee kühlen Kopf bewahren und abends dann nach Mariendorf, ein Viertel, das nicht gerade als Trend- oder Szene-Viertel bekannt ist. Eigentlich ist hier nicht wirklich viel. Das Tempelhofer Flugfeld ist in der «Nähe», aber mehr eigentlich auch nicht. Aber in Berlin ist man lange Strecken und weite Wege gewöhnt. So machen die ca. 15 Minuten Fußmarsch von der S-Bahn-Station zum neuen Stone-Gelände auch nicht mehr viel aus. Und dank einiger Wegweiser-Plakate vom Event, hätte man sich auch nicht verlaufen können.

Das Gelände in Mariendorf, das sich Greg Koch und Co-CEO Steve Wagner bereits 2009 das erste mal als möglichen Standort ausgeguckt haben, ist eine alte stillgelegte Gaswerk. Wunderschöner alter Rotklinker, typische Industrieanlage vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Dank reichlich Grün wirkt es sehr idyllisch und vielleicht sogar romantisch. Auf den ersten Blick wird gar nicht klar, was alles denn nun zu der neuen Brauerei gehören wird. Spätestens als beim Einlass ein kleiner Infoflyer mit Map ausgehändigt wird, fallen einem vor Erstaunen beinahe die Augen aus dem Kopf. Und wieder einsammeln muss man die Augen dann beim Betreten der großen Haupthalle: 3995 riesige Quadratmeter! Davon sollen zur Eröffnung 25% für die eigentliche Brauerei und die restlichen 75% für Restaurant/Bar und Brauerei-Shop genutzt werden. Doch damit nicht genug. Ein zweites Gebäude, 1930 qm groß, ist hauptsächlich für Fermentation und Verpackung/Füllung angedacht. Aber das ist immer noch nicht alles: Weitere 120 überdachte Quadratmeter sollen kleineren Veranstaltungen als Herberge dienen.

 

Momentan sind aber noch alle Hallen leer. An diesem Abend steht aber natürlich eine Bar in der Haupthalle, sowie einen Stand mit Fisch von Glut und Späne und Schokolade von Wohlfahrt, die in Zusammenarbeit mit der Berlin Beer Academy zur Verköstigung einluden. Über allem thront dabei immer das Stone-Gargoyle-Counterfeit, der vielleicht etwas überheblich im Giebel-Fenster der Halle hing. Aber trozdem beeindruckend.

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Vor der großen Haupthalle befindet sich eine Grünfläche, die später auch als Außenbereich für die Gastro dienen wird. An diesem Abend stehen hier weitere Street-Food-Buden (Kartoffelpuffer und Tacos) und natürlich ein Bier-Ausschank. Es wurden übrigens einige unterschiedliche Biere von Stone ausgeschenkt. Neben dem Stone IPA, dem Smoked Porter, dem Sublimely Self-Righteous Black IPA, einem Roggen-Kölsch namens Spröcketbier, dem Cali-Belgique IPA und dem Session Go-To-IPA aus dem Fass gab es außerdem noch das Arrogant Bastard, Levitation Amber Ale und Ruination Double IPA aus der Flasche.

Doch immer noch nicht genug, neben der großen Halle wird künftig der eigens angelegte Stone-Garten stehen. Hier werden unter anderem Kräuter und Gemüse für die Küche angebaut – alles nach Slow Food-Richtlinien natürlich. Was mit dem großen stehen gebliebenen Gerüst des alten riesigen Gastanks passieren wird, ist noch nicht klar. Ebenso, wofür der Wasserturm auf dem Gelände verwendet wird. Wahrscheinlich nicht für Bier. Aber einen tollen Ausblick über Berlin hat man von dort oben allemal.

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Recht imposant, die ganze Anlage und mit sehr viel Potential – vielleicht auch  für Beer-Festivals. Fertigstellung ist für Ende 2015 oder Anfang 2016 geplant. 25 Millionen Dollar soll das ganze kosten. Davon träumt so manch ein großes Deutsches-Bierunternehmen – von den kleinen jungen Brauern, die Deutschland derzeit aufwirbeln, ganz zu schweigen.

Etwas überraschend verkündete Greg Koch am Ende seines Auftritts, dass parallel eine Crowd-Funding-Aktion geschaltet wird, bei der zusätzlich 1 Million Dollar gesammelt werden sollen, um den ganzen Aufbau-Prozess zu beschleunigen. Dabei helfen sollen drei Collaboration-Brews mit BrewDog, einer mit Baladin aus Italien und einer mit Victory Brewing und Dogfish Head von der Ostküste der USA (weitere 9 Collab-Brews sollen folgen). Im Netz häuften sich die Meinungen und Kommentare, warum es ein Millionen-Unternehmen wie Stone Brewing jetzt noch um Geld seiner Fans «betteln» muss. So ganz erschließt sich mir die Idee auch nicht … warten wir ab, es scheint aber wahrscheinlich einfach nur Marketing-Gründe zu haben. Von vielen US-Fans kamen ebenfall kritische Äußerungen, warum denn nun ausgerechnet als nächstes Europa und gerade Deutschland als neuer Standort gewählt wurde.

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Allerdings macht es für Stone Brewing durchaus Sinn, sich gerade in Berlin niederzulassen. Der erste und vielleicht wichtigste Punkt ist sicherlich die zentrale Lage in Europa. Biere aus den USA zu importieren ist sehr teuer. Und es dauert sehr lange. Darunter leidet das Produkt, das Bier, und darauf kommt es an. Wird nun im Herzen Europas gebraut, kann einfacher und in alle Himmelsrichtung großzügig verteilt werden. Und da freut sich der Konsument. Endlich gibt es mehr Stone Bier. Und günstiger.
Im Restaurant werden neben dem hauseigenen Stone vermutlich auch weitere US-amerikanische Biere ausgeschenkt, neben anderen Perlen der europäischen und hoffentlich auch deutschen Bierwelt. Ein neues Bier-Mekka in Berlin? Großartig!

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Berlin hat dabei noch einen weiteren Vorteil. Noch ist die Hauptstadt nämlich relativ günstig. Verglichen mit anderen europäischen attraktiven Großstädten liegt Berlin bei den Immobilienpreisen nämlich immer noch im unteren Bereich. Und neue Arbeitsplätze sind überall willkommen.

Ein weiterer interessanter Faktor ist die noch junge Craft Beer Welt in Deutschland. Hier fängt der Boom erst an. Die Menschen lernen das «andere» Bier gerade erst zu schätzen und zu lieben. Da kann eine so große Brauerei wie Stone mit ihren Möglichkeiten sicherlich viel abgreifen und unterstützende Aufklärungsarbeit leisten.

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Für den deutschen Konsumenten ist die Entscheidung, Stone Brewing Europa in Berlin anzusiedeln, eine tolle. Endlich gibt es noch mehr geiles Bier. Und für Stone Brewing Co. wird sich die Entscheidung wirtschaftlich vermutlich auch irgendwann auszahlen.

Aber wie sehen andere die Entscheidung? Sicherlich ist auch etwas Kritik angebracht. Nach der anfänglichen Euphorie (aus Konsumenten-Sicht) teile ich ebenso die kritischen Stimmen.
Zunächst einmal: bleibt das Bier ein Stone-Bier? Es soll unter anderem das IPA in Berlin gebraut werden, was sonst nur in der ursprünglichen Brauerei in Escondido gebraut wird. In Berlin steht eine andere Brauerei, die Prozesse werden nicht die gleichen sein, das Material vermutlich auch nicht 100%ig das selbe. Ebenso wie der Braumeister. Der kann nicht an zwei Orten gleichzeitig brauen. Das Wasser ist in Berlin definitiv anders, als in Kalifornien. Klar, man kann das Wasser so bearbeiten, dass es dem Wasser in Escondido entspricht – aber is es das gleiche? Dem normalen IPA-Fan ist das vielleicht wurscht, aber der Hardcore-Beer-Nerd könnte das verurteilen. Zwar sind Malz und deutscher Hopfen sehr wohl gut verfügbar sind, aber der amerikanische Hopfen muss wieder importiert werden. Sicherlich nicht ganz so dramatisch, wie beim Import des Endproduktes, aber dennoch ein möglicher Qualitäts-Verlust. Natürlich könnte es auch so kommen, dass Stone keine Kopien der amerikanischen Produktpalette in Berlin braut, sondern neue Bier-Kreationen.

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Natürlich ist das Meckern auf hohem Niveau. Denn die Jungs von Stone schauen auf eine fast 20-jährige (Gründung 1996) Geschichte zurück. Und die ist vor allem mit eben dieser Qualität und Erfahrung gespickt. Erfahrung mit Handhabung, Technik und Experimentieren mit den Rohstoffen, um ein optimales Ergebnis zu erzielen. Nur so kann zum Beispiel ein IPA enstehen, wie es in dieser Art und Qualität vermutlich nur von einer amerikanischen Brauerei kommen kann. Denn jeder, der schon einmal in den USA ein frisches IPA vom Fass getrunken hat, wird merken, wie hoch doch (teilweise) die Messlatte sein kann. Natürlich sind die Braumeister hier in Deutschland super ausgebildete Brauer und Mälzer – gar keine Frage. Aber langjährige Erfahrungen mit anderen Bierstilen wie eben diesen IPAs, Stouts, Barley Wines, Wits und wie sie alle heißen, haben die wenigsten. Und wenn, dann erst seit kurzem. Und nun kommt da jemand aus den USA, um diese oben genannte Messlatte so hoch zu hängen. Vielleicht sollte man aber auch nicht von einer Messlatte reden …  Aber ob es allgemein dem jungen Markt gut tut, wenn jetzt ein solch großer Player auftritt, ist eine wichtige Frage. Denn derzeit findet eine natürliche Entwicklung statt, an der alle Protagonisten hart und zum Großteil gemeinsam arbeiten. Und jetzt kommt eine – zugegeben nicht mehr kleine Brauerei  – und könnte vielleicht diese Entwicklung von „unten“, so wie wir sie uns alle herbeisehnen und wofür die Craft Beer Welt eigentlich auch steht, stören. Wenn weiterhin alle an einem Strang ziehen, schauen wir in eine rosige Zukunft. Wenn nicht, könnte dieses Modell zur Gewohnheit werden und echtes deutsches Craft Beer vom Markt gedrängt werden.

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Oder der Markt wird mit zwar sehr gutem, aber (zu) günstigem Bier überschwemmt. Denn die 83hl-Anlage, die Stone bauen wird, wird sicherlich nicht nur einmal in der Woche im Betrieb sein. Über das Jahr gesehen wird dort eine große Menge an Bier produziert werden. Und das Bier muss auch verkauft werden. Und die Betriebswirtschaft lehrt, dass die Wahrscheinlichkeit eines niedrigen Preises bei dieser abzusetzenden Menge Bier hoch ist. Wenn das so eintrifft, kann das sowohl für den Ruf des «Craft Beer», als auch für die Mitbewerber nachteilig sein, die einen niedrigen Preis nicht unterbieten können und auch nicht sollten.

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Aber die oben genannten skeptischen Punkte können sich hoffentlich (!) auch in die andere Richtung bewegen und ein Vorteil sein. Und wir wollen optimistisch in die Zukunft schauen und uns nicht immer sorgen! Freude macht einfach mehr Spaß. Und so hoffen wir darauf, dass Stone Brewing mit seinen Mitteln GEMEINSAM mit den jungen wilden deutschen Brauern den Bier-Markt aufmischt und allen Menschen in Berlin und ganz Deutschland zeigt, was geiles Bier sein kann. Und sind wir mal ganz ehrlich: am Ende wird Stone ganz viel von den deutschen Brauern, Bieren und Menschen hier lernen können.

 

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3 Antworten
  1. Johannes Timaeus says:

    Sehr gut finde ich die Britische Perspektive am Ende des Artikels. Wenn das so weitergeht haben wir die gleiche Situation wie die, die die craft Bier Brauer motiviert hat anzufangen: Überall gibt es das gleiche Zeug (PAs, IPAs…) und der Einzige Sinn ist es Kohle zu scheffeln. Und die Rohstoffe werden um die ganze Welt geschippert… Ich trinke gerne Biere aus anderen Ländern, möchte aber auch die lokale Bierkultur genießen und vor allem ist mir die lokale Verankerung und Verantwortung lokaler Unternehmer Wichtig

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  1. […] des Baus ihrer deutschen Dependance, eine Palette Industriebier mit einem großen Steinbrocken zerschmetterten. Da stellt sich so manchen natürlich die Frage, ob wir in der deutschen Bierszene einen großen […]

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