CRAFT BEER – DIE DEFINITION?

Seitdem «Craft Beer» in Deutschland Einzug erhält und mehr und mehr Menschen wissen, dass Bier nicht gleich Bier ist, sondern ein extrem komplexes Thema ist, diskutieren Bierexperten, Nerds, Brauer und Interessierte über den Begriff »Craft Beer».

Vor einigen Tagen veröffentlichten die Schotten von BrewDog einen Artikel, der versucht eine Definition für den europäischen Markt festzulegen. Abgeleitet ist diese von der Brewers Association, die bereits vor einigen Monaten eine solche Erklärung für den amerikanischen Markt erstellt hat. Da sie allerdings nicht 1:1 für Europa übernommen werden kann, haben sich die BrewDogs hingesetzt und ihre Liste schwarz auf weiß festgehalten.

Viele Leute in Deutschland haben Probleme mit Anglizismen, weswegen versucht wurde den Begriff «Craft Beer» zu übersetzen. «Edelbier», «Kreativbier» oder »Spezailbier» kam dabei heraus. Puh … klingt spießig. Und spießig ist das Thema nun wirklich nicht. Craft Beer ist Leidenschaft, Ehrlichkeit, Lust, Genuss, Handwerk, Kraft, Kreativität, Qualität, … Es ist eine Kunst, die nicht wortwörtlich übersetzt werden kann, sondern einer klaren Definition bedarf.

Diese Definition ist zum einen für den Konsumenten wichtig, damit er weiß und erkennt, was denn nun eigentlich Craft Beer ausmacht, zum anderen ist es auch für den Brauer und seine Brauerei wichtig, damit er sich von anderen Brauereien abhebt. Das geschieht durch eine bewusste (oder unbewusste) Positionierung – sprich: Was braue ich? Mit welchen Rohstoffen braue ich? Wo braue ich? Wem verkaufe ich mein Bier? Wo verkaufe ich es und wie sieht es aus? Das nennt man Marketing.

Marketing – ein ziemlich kühles Wort. Aber in der heutigen Marktwirtschaft ist dieses Marketing enorm wichtig. Sei es, um Geld zu verdienen, um in der Masse aufzufallen, oder um auszudrücken «wir ziehen hier unser Ding durch».
Aber das ist auch das schwierige am Marketing. Es kann damit wahllos gespielt werden. Künstliche Bilder können erzeugt werden. So wird es sehr häufig, in sämtlichen Produktbereichen gemacht. Wenn etwas interessant und vor allem gut ist, kann damit ja irgendwie Geld gemacht werden.

Denn Craft Beer ist ein Trend. Seit vielen Jahren wächst in den USA der Craft Beer Markt und nimmt den großen Bierkonzernen Markt-Anteile ab. Offensichtlich lässt sich damit Geld verdienen. Das erkennen hierzulande nun auch kleine und große Brauer(-eien).
Und hier kommt der große Unterschied. In den USA ist die Craft Beer-Bewegung entstanden. Hobbybrauer hatten genug vom Einheitsbrei, vom Wasser mit Bierextrakt der großen weltmarktbeherrschenden Konzerne. Mit Rohstoffen vom Nachbar-Landwirt, mit eigenen kreativen Bier-Ideen haben die kleinen Hobbybrauer in ihren eigenen Garagen Hand angelegt und echtes Bier hergestellt. Ungeniert, ungefiltert – und somit eine Bier-Revolution eingeleitet. Schritt für Schritt wurden es mehr Hobbybrauer, Schritt für Schritt wurde das Bier besser. Immer mehr Leute haben den kleinen Brauern das Bier abgekauft. Erst die Nachbarn, dann der ganze Ort, dann das County, undsoweiter.

In Deutschland ist die Ausgangssituation eine andere. Deutschland ist eine Bier-Nation. Neben den großen Biermarken Konzernen, gibt es die traditionellen, meist mittelständischen, Brauereien. Sie brauen seit Ewigkeiten, das Bier, das der Deutsche am liebsten mag. Pilsner, Helles, Weizen, Kölsch. Da war kein Platz für andere Bier-Stile. Nun hat sich aber ein neues Ernährungs- und Genussbewusstsein entwickelt. IPAs, Pale Ales, Stout und Co. werden mit offenen Armen empfangen. Manche Unternehmen haben diesen Trend früher entdeckt. Einen Stück vom Kuchen abhaben, wollen viele. Wer sich mit Marketing auskennt, hat allerdings einen klaren Vorteil.

Und plötzlich gibt es auch Craft Beer in Deutschland. Nicht von den kleinen, kreativen Hobby-Brauern ins Bewusstsein gerufen, sondern von Unternehmen mit Geld. Das ist der große Unterschied. Und leider entspricht das auch nicht dem echten Craft Beer-Gedanken.

Doch zum Glück gibt es auch in Deutschland die Brauer, die klein angefangen haben, oder immer noch im kleinen Stile brauen. Und zwar besonders kreative Biere. Fritz Wülfing von FritzAle ist ein solcher. Oder Thorsten Schoppe von Schoppe-Bräu. Alexander Himburg vom Braukunstkeller, Sebastian Sauer von der Braustelle oder Thomas Wachno, der Hopfesntopfer, Andreas Seufert mit seinem Pax-Bräu ebenfalls. Junge, Brau-Projekte entstehen immer mehr. Die Kreativbrauerei aus Hamburg, oder in Berlin die Vagabund Brauerei, Heidenpeters und Beer4Wedding. In München die CrewRepublic.
Diese Namen sind Beispiele für deutsches Craft Beer. Mit wenig Mitteln, aber sehr kreativen Köpfen und großem handwerklichen Geschick werden neue Biere geschaffen.

Seitdem die Diskussion über die Definition von «Craft Beer» vor ein paar Tagen wieder entflammt ist, mache ich mir persönlich auch Gedanken. Warum braucht Craft Beer eine Definition? Wem nützt es? Da ich nicht aus direkt aus dem Brauer-Geschäft komme, kann ich zum Großteil nur mein Gefühl sprechen lassen. Aber Craft Beer ist ja eine Art Lebensgefühl.

Dieses Lebensgefühl hat nicht jeder. Dieses Lebensgefühl kann man nicht erkaufen. Aber es ist ein sehr wichtiger Teil der Definition, wie sie Felix von Lieblingsbier.de übersetzt (via BrewDog) und ergänzt hat und auch Daniel (roninarts) und Daniel (usox) beschrieben. Neben ein paar einfachen Fakten, die man mit Zahlen belegen und festhalten kann, gibt es aber eben auch dieses schwammige Gefühl, das schwer zu erklären ist. Vielleicht sind die Begriffe Rock ’n‘ Roll oder Revolution recht vergleichend. Craft Beer eckt an. Craft Beer sieht gut aus. Craft Beer ist überraschend, laut, und individuell.

Unternehmens-Gruppen, wie Nordmann (Ratsherrn) oder Bitburger (CraftWerk), die den Begriff «Craft Beer» als Marketing-Instrument verwenden, versuchen künstlich ein Lebensgefühl zu erzeugen. Authentisch ist es aber  nicht. Auch die Qualität der Biere kommt nicht an die der Kleinen ran.
Aber diese Unternehmen haben ein Potential, das die kleinen, echten Craft Brauer nicht haben. Das Potential heißt «’ne Menge Geld». Ein ganz schön oberflächliches Potential, aber mächtig. Und richtig eingesetzt für alle Beteiligten von Vorteil.

So schaue ich hier in Hamburg primär auf die Ratsherrn-Brauerei und sehe eine immer größere Verbreitung der Biere in Bars, Clubs und Restaurants. Veranstaltungen, wie die Craft Beer Days sensibilisieren die Öffentlichkeit und den Verbraucher ebenfalls auf Biere, die anders sind. Und das ist meiner Meinung nach momentan noch sehr wichtig. Indem der Konsument darauf aufmerksam gemacht wird, dass die Biere, die jeder am Kiosk oder im Supermarkt für billigbillig bekommt, nicht das Maß aller Dings sind, und dass es da draußen sehrwohl wahnsinnig gutes, kreatives und vielfältiges Bier verfügbar ist, kann sich Craft Beer nur etablieren und festsetzen.

Das Schwierige und Gefährliche ist allerdings, dass der Begriff Craft Beer durch die Verwendung von Konzernen aus Marketing-Gründen, an Bedeutung verliert und einen falschen Inhalt vermittelt (oder sogar versucht wird, komplett zu missbrauchen). Deswegen ist eine Definition, wie Felix sie übersetzt hat, sinnvoll und wichtig. Aber solange es kein Sigel, Gütezeichen oder eine Verordnung gibt, wird es für den allgemeinen Konsumenten schwierig zu erkennen, welches Bier vor ihm denn nun echtes Craft Beer ist. Bier-Kenner und -Geeks werden es wissen oder im Gefühl haben, aber ein Gefühl ist auch subjektiv.

Da die Ausgangssituation in Deutschland wie oben beschrieben eine andere ist, wird es vermutlich immer unterschiedliche Arten von Craft Beer geben. Eine Definition hilft, das ursprüngliche Craft Beer zu beschreiben und von den anderen abzuheben. Komplett trennen wird man sie vermutlich nie können. Ein Sigel würde zwar eine optische Differenzierung erzeugen, aber das Thema verkomplizieren. Echte Beer-Geeks werden die Unterschiede immer kennen und zu schätzen wissen. Derzeit überschlagen sich einfach die Medien-Berichte und Ereignisse, was auch schnell zu einer Überreizung und falschen Äußerungen oder Meinungen führen kann.Vielleicht braucht Deutschland noch etwas Zeit, damit eine natürliche Auslese stattfindet und sich die Spreu vom Weizen trennt.

Ich bin guter Dinge und vermute, dass in Zukunft sowohl die kleinen echten Craft Brauer, als auch Konzern-gesteuerte Brauereien nebeneinander existieren werden – die Enwicklung von Craft Beer in Deutschland ermöglicht nichts anderes. Dennoch ist die Definition sehr wichtig, damit klar differenziert werden kann.

Momentan bin ich froh, dass viel auf dem Craft Beer-Markt passiert. Ich freue mich, wenn man von neuen Bars mit 20 unterschiedlichen Bieren On Tap hört, wenn sogar eine neue kleine Brauerei eröffnet, wenn jemand zuhause selber Bier brauen möchte oder man einfach nur einen Freund überzeugen kann, dass echtes Craft Beer verdammt gut ist. Ich sehe es auch als meine «Aufgabe» als Craft Beer-Blogger an, mich übergreifend mit dem Thema zu beschäftigen, aber immer die kleinen, besonderen Brauer, Biere und Ereignisse hervorzuheben und ausdrücklich zu erwähnen. Denn das sind die wahren Craft Beer-Helden.

 

6 Antworten
  1. Günther Thömmes says:

    Danke für den sehr gut durchdachten Artikel! In Österreich sieht es nicht wesentlich anders aus als in Good Old Germany. Nur, dass die kleine Bierszene schon etwas besser entwickelt ist. Ein Blick hinüber zu uns lohnt auch…

  2. dan says:

    Feiner Artikel, dem man anmerkt, das Du dir die Zeit genommen hast, die Nachrichten, Diskussionen und Erkenntnise der letzten Tagen in der Craft Beer Szene zu durchdenken.

  3. Hendrik says:

    Ich kann deine Gedanken sehr gut nachvollziehen.

    Ich bin selber erst am Anfang des Jahres durch einen Podcast (‚türlich, CRE…) auf das Thema Bier/Craft Beer gestoßen und hier in Hamburg logischerweise recht schnell über das Konglomerat aus Ratsherrn/Altes Mädchen/Craft Beer Store gestolpert.

    Dass da ordentlich Geld dahinter steckt, sieht man auf den ersten Blick – was ja auch kein Problem ist. Ganz im Gegenteil, tolle Veranstaltungen wie die Craft Beer Days sind so sicher viel einfacher zu stemmen. Gerade im Braugasthaus merkt man aber auch sehr deutlich, dass da jemand auch wieder Geld verdienen möchte, die Preise sind teilweise doch sehr gepfeffert. Dazu kommt noch die Lage im Schanzenviertel, die den Ort so langsam aber sicher zu einer überfüllten In-Location machen.

    Kennst du vielleicht andere gute Lokale in Hamburg und Umgebung? 🙂

  4. HOPSHYSTERIA says:

    Hi Hendrik, danke für Dein Kommentar. So wahnsinnig viel Alternativen kenne ich in Hamburg leider echt nicht. Es gibt noch die „Idol Bar“ in der Feldstraße. Aber meines Erachtens auch ein wenig zu teuer. Dann noch das „The Boilerman“ im Eppendorfer Weg, das ein paar Craft Biere hat. Und zu guter letzt ganz neu das „Galopper des Jahres“ im (ehemals) Haus 73. Da werde ich aber auch erst heute das erste mal sein. Klingt aber vielversprechend. Leider passiert hier in HH nicht so schnell was und nicht so viel, wie in Berlin. Aber dennoch: gaaaanz langsam wächst die Szene und vor allem das Bewusstsein.
    Vielleicht werde ich sonst auch selber einmal Hand anlegen 😉

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